ERP Markt im Umbruch Moderne ERP-Architekturen: Spreu vom Weizen trennen Mittelständler, die ERP-Lösungen evaluieren, haben die Qual der Wahl. Theoretisch stochern sie in einem Pool von ungefähr 250 Anbietern und 400 Lösungen. Damit nicht genug: Innovative Technologien wie .NET, Java, Web-Services oder SOA (Service Oriented Architecture) markieren den Generationssprung, auf dem sich die Systeme befinden. Oder den sie bereits vollzogen haben. Denn während sich die Big Player SAP und Microsoft mit ihren Projekten ESA und Green erst auf den Weg machen, sind einige wenige Mittelständler schon am Ziel. Was unterscheidet alte Spreu von neuem Weizen, und was nützt der? Auf den ersten Blick fällt es schwer, technologische Unterschiede einzelner ERP-Lösungen auszumachen: Werbeformeln wie "mySAP ERP ist der erste Vertreter einer neuen Generation von Software für das Enterprise Resource Planning", "Microsoft Navision (Anm.: jetzt Microsoft Dynamics NAV) wurde auf Basis einer außerordentlich zuverlässigen und zugleich innovativen Technologie entwickelt" oder "Die workflowbasierte bäurer Komplettlösung... ist natürlich webfähig" suggerieren vergleichbare Fortschrittlichkeit. Erst bei genauem Hinsehen offenbart sich, wo alter Wein in neuen Schläuchen verpackt ist. Wachsamkeit gefragt Es ist ein steigendes Interesse mittelständischer IT-Entscheider an Systemarchitektur und Merkmalen wie .NET basierter Entwicklung oder XML-Unterstützung zu beobachten. Die Systemarchitektur einer Lösung bestimmt ihre Integrationsfähigkeit in die vorhandene IT-Gesamtarchitektur und die damit verbundenen Wartungskosten. Der geschärfte Blick der Kunden kommt nicht von ungefähr: Mittelständische Unternehmen verbinden mit ERP-Investitionsabsichten klare Ziele. Lösungen sollen betriebliche Abläufe verkürzen, beschleunigen und kostengünstiger, insgesamt also effizient machen. In Zeiten knapper Kassen werden die Ausgaben dafür, der zu erwartende Nutzen und seine Bestimmungsfaktoren genau unter die Lupe genommen. Eine rein funktionale Betrachtung und Auswertung von Software-Lösungen wäre falsch und verhindert Fortschritt und Zukunft. Denn Zukunftssicherheit heißt nicht, Altes mit Altem ersetzen. Fehlende Funktionalität können sich Anwender programmieren lassen. Eine innovative Technologiebasis nicht. Nutzen moderner Architektur Standardisierte offene Schnittstellen eröffnen intern und unternehmensübergreifend völlig neue flexible Kommunikations- und Integrationsmöglichkeiten. Das gilt für die interne Darstellung auf beliebigen Endgeräten bis hin zum Handy ebenso wie für die Anbindung externer Lieferanten. Preis- oder Bestandsauskünfte über das Internet werden problemlos in Echtzeit realisiert. Weiteres Kennzeichen der neuen Technologie: Update-Unabhängigkeit trotz individueller Anpassungen. Den Nutzen moderner Lösungen können Unternehmen in der Evaluationsphase vorab an Äußerlichkeiten und Funktionen erkennen, die die alte Technologie nicht leisten kann: Allem voran die Plattformunabhängigkeit. Darüber hinaus ist die Bedienoberfläche in n-Sprachen darstellbar. Alle Daten wie z.B. Beschreibungstexte können in beliebigen Sprachen hinterlegt werden, so dass Schreiben und Belege, die an ausländischen Kunden oder Lieferanten generiert wurden, komplett in ihrer Sprache erhalten bleiben. Masken oder selbst Änderungen auf Geschäftsprozessebene lassen sich vom Nutzer selbstständig über Parameter ausführen. Und die neuen ERP-Lösungen lassen sich flexibel von einem User bis unendlich skalieren. Grundlagen moderner Systemarchitektur Unabhängig vom Anbieter steckt hinter genannter Investitions- und Zukunftssicherheit moderner ERP-Lösungen immer eine komplette Neuentwicklung. Sie ist daran zu erkennen, dass die Lösung in Internettechnologie mit modernsten Entwicklungswerkzeugen wie Framework Studio sowie mit den modernen Programmiersprachen Java und C# programmiert ist. Damit realisieren die neuartigen Lösungen eine rein objektorientierte und komponentenbasierte Systemarchitektur. Sie unterscheidet sich fundamental von üblicher, prozeduraler Systemarchitektur: Herkömmliche Systeme sind auf Programmierebene durch hochkomplexe, unübersichtliche bis unverständliche Beziehungsgeflechte zwischen Prozessen, Prozeduren und Funktionen gekennzeichnet. Anwender leiden resultierend unter Schnittstellenproblemen, teurer Wartung sowie unter zeit- und kostenintensivem Aufwand für Anpassungsprogrammierung. Beispiel für diese Problematik ist SAP: Der Produktpreis macht nach Aussage Michael Kleinemeiers, Geschäftsführer von SAP-Deutschland, bisweilen nur drei bis fünf Prozent der gesamten Projektkosten aus. Im Gegensatz zu solch teuren beratungsorientierten Ansätzen arbeiten die Anbieter von Lösungen der neuen ERP-Generation mittelstandsgerecht mit kalkulierbaren Kosten: Sie verdienen ihr Geld im Lizenzgeschäft. Denn die objektorientierte Systemarchitektur macht neue Lösungen durch die Koppelung von Daten und Prozessen in Objekten um ein Vielfaches schlanker. Hinzu kommt der Wechsel von Programmierverfahren, die Verwendung neuer Entwicklungsumgebungen und Programmiersprachen. Ergebnis: Modularisierbare, wiederverwendbare und änderungsfreundliche Objekte ersetzen überfrachtete Systemstrukturen der Vergangenheit. In der Vergangenheit konnten ERP-Systeme durch ihren monolithischen Aufbau nur mit großem Aufwand an veränderte Rahmenbedingungen adaptiert werden. Moderne Web- und Komponentenbasierte Lösungen verfügen über wesentlich bessere Voraussetzungen für generelle Anpassungen sowie für horizontale und vertikale Integration unterschiedlicher Systeme. Das liegt daran, dass in der objektorientierten Systemarchitektur einzelne Komponenten untereinander, Client und Server oder Web-Clients offen kommunizieren. Die Technologien, die hierfür in modernen Lösungen greifen, lauten SOA (Service Oriented Architecture), SOAP (Simple Object Access Protocol), WSDL (Web Services Description Language), Web Services und XML. Etablierte hinken hinterher All das wissen auch die etablierten Anbieter. Doch die Last der Vergangenheit wiegt schwer: In den 90er Jahren verzeichnete der ERP-Markt ein rasantes Wachstum. Spitzenanbieter konnten mehrfach Steigerungsraten von bis zu 40 Prozent verzeichnen. Seit 2000 dagegen konsolidierte sich der Markt. Viele Kleine gingen insolvent, Kostensenkung und Vertriebsoptimierung bestimmten Denken und Handeln. Große erzeugten und erzeugen Wachstum durch das Aufkaufen von Marktteilnehmern: Microsoft eröffnete Januar 2001 die Einkaufstour und übernahm den mittelstandsorientierten US-Anbieter Great Plains. Genau ein Jahr später leibten sich die Redmonder Navision ein, die ihrerseits gerade Wettbewerber Daamgard vereinnahmt hatten. Im Frühjahr 2002 landete der kleine israelische Anbieter Topmanage im Einkaufswagen von SAP, seit dem unter SAP Business One auf dem Markt. Bis auf wenige mittelständische Anbieter investierte niemand in Neuentwicklungen. Resultat: Die Technologie etablierter ERP-Produkte wurzelt im letzten Jahrtausend, in Zeiten vor dem Internet. Sie wurden immer wieder erweitert, geändert und portiert, um neueren Anforderungen zu genügen. Das Erbe der Vergangenheit und seine Folgen Unter den Folgen dieser Unternehmenspolitik haben Anbieter und Anwender heute gleichermaßen zu leiden. SAP-Kunden sind durch unterschiedlichste Zeitpläne und Ankündigungen von Netweaver über Business Process Plattform bis zur ESA-Strategie verunsichert. Stefan Klose, Sprecher der deutschsprachigen SAP Anwendergruppe (DSAG) bezeichnet den Umbau der SAP-Software im Rahmen einer Jahrestagung als dramatisch und rechnet damit, dass ein Teil der vorhandenen SAP-Software angepasst beziehungsweise neu erstellt werden muss. Die angedachte Idee, die R3 Client-Server Architektur zu nehmen, daraus Komponenten zu bilden, um dann Objekte und Klassen zu formulieren, die dann Web-Services und XML generieren, kann als kompliziert und kaum machbar angesehen werden. Denn objektorientierte Entwicklung verlangt neben Verwendung der Sprache Java auch eine andere Denkweise und ganz andere Strukturen. Die Analystenseite meint wie zum Beispiel von Helmuth Gümbel von Strategy Partners, dass höchstens 15 Prozent der bestehenden SAP-Software bereits ESA-geeignet sind. Dass SAP die Umstellung auf die Plattform in Zweijahresfrist gelingt, ziehen Fachleute vor diesem Hintergrund in Zweifel. Auch Microsoft räumt ein, dass mit Project Green vieles neu entwickelt werden müsse. Dass Microsoft Business Solutions-Navision vorab in Microsoft Dynamics NAV umbenannt wurde, hat damit aber nichts zu tun. Denn laut Microsoft Info ändert sich "Für die Kunden und Anwender von Navision... bis auf den Namen nichts." Microsofts Schwierigkeit: Augenblicklich fordern unterschiedliche ERP- und CRM-Pakete erheblichen Entwicklungsaufwand. Releases verzögern sich. Sollte .NET-ERP zunächst mit hartem Schnitt frühestens 2010 kommen, wird jetzt ein schleichender Übergang ab 2007 vorgezogen. Wie viel Aufwand dabei beispielsweise auf Partner zukommt, um Branchenlösungen im Rahmen der SAP- und Microsoft-Strategien nachzuziehen, können Betroffene ebenso wenig abschätzen wie die Kosten für Anwender. Der Kraftakt der Umstellung bleibt. Und ein weiteres Problem: Neukunden kaufen gerne Neuprodukte, also moderne Software und kein Produkt, das auf absehbare Zeit durch ständige Nachbesserungen technischen Anschluss suchen muss. | |